Menschen

Im Film „Erin Brockovich“ spielt Julia Roberts die Aushilfe eines Rechtsanwalts, die einen Umweltskandal aufdeckt. Sie kommt dem lokalen Kraftwerkbetreiber mit dem Namen „PG&E“ auf die Spur, welcher jahrelang Chrom in das Grundwasser sickern ließ und damit die Gesundheit von rund 600 Anwohnern irreparabel schädigte.
Als Erin Brockovich nach eineinhalb Jahren ihre Recherchen nahezu abgeschlossen hat, zieht ihr Chef zur Verstärkung eine große Kanzlei hinzu. Deren Anwältin versucht Erin den Fall wegzunehmen – mit dem Argument, es müssten noch Lücken in ihren Recherchen gestopft werden. So fehlten z.B. einige Telefonnummern der Kläger, die sie ja unmöglich alle auswendig wissen könne. Als Erin widerspricht, zieht ihre Kontrahentin die Akte einer gewissen Annabelle Daniels hervor – mit der unausgesprochenen Bitte, die Telefonnummer zu nennen. Daraufhin legt Julia Roberts alias Erin Brockovich los:
„Annabelle Daniels: 714 454 93 46. Zehn Jahre alt, wird elf, im Mai. Lebt seit ihrer Geburt in der Nähe des Werks. Sie wollte mal Synchronschwimmerin werden. Deshalb verbrachte sie jede freie Minute im Swimmingpool von PG&E.
Letzten November stellte man einen Gehirntumor bei der Kleinen fest und operierte sie an Thanksgiving. Darauf folgte eine Chemotherapie.
Ihre Eltern heißen Ted und Rita. Ted hat die chronische Krankheit, Rita leidet an chronischen Kopfschmerzen, Übelkeit und hat sich die Gebärmutter entfernen lassen.
Ted ist in Hinkely aufgewachsen. Sein Bruder Robby, dessen Frau May und ihre fünf Kinder Robby Junior, Martha, Ed, Rose und Peter haben auch in dem verseuchten Gebiet gewohnt. Ihre Nummer lautet 454 9554. Wollen Sie wissen, woran Sie leiden?“
Wenn ich diesen Filmausschnitt meinen Seminarteilnehmern vorspiele und sie frage, warum Julia Roberts so gut ankommt, höre ich u.a. folgende Antworten: „sehr emotional“, „kompetent“, „bringt Fakten“, „lebendig“, „anschaulich“. Das stimmt alles, bezeichnet aber nur die Folge, nicht das Instrument selbst, das sie verwendet. Es dauert meistens länger, bis die richtige Antwort kommt: „Sie erzählt von Menschen“ oder „Sie berichtet von Einzelschicksalen“.

Warum berichten Journalisten so gerne von Menschen? Aus Liebe zum Leser: Sie wissen, dass Menschen für Leser am interessantesten sind. Dieser Tatsache verdanken Klatschblätter und Boulevard-Zeitungen ihre Existenz. Aber auch die so genannten seriösen Blätter sind gespickt mit Berichten über Menschen – oft in eigens dafür eingerichteten Porträt-Rubriken.
- Die Tour de France wird reduziert auf den Zweikampf zweier Menschen: Lance Armstrong und Jan Ullrich.
- Der Wahlkampf wird reduziert auf zwei Menschen: Gerhard Schröder und Angela Merkel. Was sind die Grünen ohne Joschka Fischer?
- Hartz IV ist zu abstrakt? Berichten wir doch über Hermann Müller, der 35 Jahre gearbeitet hat und nach drei Jahren Arbeitslosigkeit kein Geld mehr bekommt, da er sich vom Ersparten eine Wohnung gekauft hat.
- “Die Welt“ benotet in jeder Ausgabe drei Menschen und veröffentlicht auf der Folgeseite ein ausführliches Porträt.
- Nehmen Sie eine beliebige Tageszeitung in die Hand. Sie wird voll sein von Porträts und Fotos von Menschen: Die Redakteure wissen, was Ihre Leser mögen!
Nur bei Kritik an Dritten rate ich Ihnen davon ab, Personen schriftlich zu benennen. Ansonsten kann ich Ihnen das Prinzip „Mehr Menschen!“ nur empfehlen. Wenn Sie es befolgen, machen Sie Ihre Texte anschaulicher und einfacher. Der Leser wird es Ihnen danken.